Eigentlich komme ich nicht mehr in mein Dorf zurück. Nur hin und wieder. Vor allem zu Beerdigungen. Ein Teil meiner Familie wohnt noch dort und wird auch dort beerdigt, einer nach dem andern. Solange ich lebe, werde ich in dieses Dorf zurückkehren und sehen, wie die Erde meine Verwandtschaft schluckt.

Vor dem Friedhof kommt die Kirche. Sankt Peter, auf diesen Felsen, die Türe aus Glas. Mein Vater hat sich an der neuen Glastüre, dem doppelten Schutz vor Kälte, die Nase blutig geschlagen, sie wollte nicht heilen, nicht so schnell, wie sein Tod kam, ihn abzuholen – erst die Kirche, dann der Friedhof.

Sein Friede, nicht meiner.

Bei jeder Beerdigung in meinem Dorf sehe ich dieses Glas, gehe hindurch, sehe das Blut, längst getrocknet und weggewischt. Der Vater wird mit diesem Blut lebendig, nimmt mich bei der Hand und geht mit mir zum Friedhof.

Das erste, was mir von den Hettingern in der Erinnerung haftet, ist ein Kompliment.

Damals war ich noch weit davon entfernt, mich an ein männliches Wesen zu binden. Ein paar Traumprinzen gab es schon, aber diese suchte ich ganz bestimmt nicht auf der Alb.

„Was ist Glück für dich?“ habe ich ihn gefragt.

Er wisse es nicht.

„Das kann nicht sein, Glück kann man doch spüren! Dann, wenn du denkst, du fliegst, wenn du die ganze Welt umarmen möchtest.“

Im Fernsehen ist Krieg. Flugzeuge schießen auf Häuser. Menschen sind nicht zu sehen. Über den Krieg wird in den Nachrichten berichtet. Es ist kein Krimi, keine Schnulze mit patenten Lösungen am Ende der Sendung. Dazwischen sehe ich grellbunte Reklame. Das wohlschmeckende Bier, das mich jugendlich und glücklich macht, der weltbeste Kaffee. Das unvergleichliche Aroma und die fröhlichen Gesichter kämpfen mit den gesichtslosen zerbombten Städten um die beste Sendezeit. Reklame und Nachrichten. Mensch gegen Mensch. Auch Deutsche, so wird berichtet, sind in diesem Krieg. Ihr Einsatz wird verteidigt. Das Fernsehgerät steht im Wohnzimmer. Der Krieg darin scheint fern zu sein.